Fight Club

Fight Club Fanart - Marla sitzt auf einem Stuhl, liest ein Magazin und schaut auf das Geschehen im Off das Blutspritzer auf der Wand hinterlässt.

TW Gewalt, Selbstmord, Cringe & SPOILERS!!

2021 begann literarisch für mich mit Fight Club – einem Roman von Chuck Palahniuk aus dem Jahr 1996.

Die angesprochenen Thematiken des Buches provozierten eine Menge Gedanken – hier teile ich sie mit euch und freu mich auch eure Gedanken dazu zu hören! Vor allem wie aktuell sich die beschriebenen Probleme, anstatt über die Jahre seit der Veröffentlichung zu lösen, das alltägliche Leben in unserer modernen Gesellschaft recht akkurat beschreiben. Absolut frustrierend, dass ein Buch, das so alt ist wie ich, immer noch so aktuell sein kann. 

Dieser Artikel ist zweigeteilt – der erste Teil konzentriert sich auf das Buch, der nachfolgende betrachtet vergleichend den auf dem Buch basierenden Film mit dem Originalmaterial. Allerdings ist dabei zu beachten, dass es sich um keine wissenschaftliche Betrachtung handelt sondern einfach meine Gedanken – also auch kein Anspruch auf Richtigkeit, freu mich aber über Korrekturen falls sich doch offensichtliche Fehler in der Beschreibung der Medien eingeschlichen haben sollten.

Isolation und kein Sinn im Leben. Wohlstand, aber innere Leere. Die Suche nach Sinn, das Verlangen die Welt zu verändern – oder einfach nur zu zerstören. Entweder sie geht, oder wenn sie sich nicht aus ihrer Umlaufbahn werfen lässt, dann eben ich. 

Kleinkariertes Leben leben, schön und gut, aber wofür? Jeden Tag arbeiten gehen, schön und gut, aber wofür? Selbst gesetzte Ziele erreichen, schön und gut, aber wofür? Neue Couch geleistet, schön und gut, aber wofür?

Im Buch schreit der Protagonist des Romans, aus dessen sich die Erzählung verfasst wurde, nach Veränderung. Das Leben in einer rationalisierten Gesellschaft frustriert ihn, er wünscht sich Sinnhaftigkeit, die früher beispielsweise in gelebten Traditionen gespürt werden konnte, sich aber in seinem einsamen Großstadtleben nicht wiederfinden lassen. Er gründet den Fight Club und später Projekt Chaos. Ganz nach dem Motto “Mach kaputt was dich kaputt macht” – Angriff auf das Selbst. Zerstöre das System, das dich am Leben hält. Lieber findet alles im lodernden Feuer ein Ende als weiter die erstickende Machtlosigkeit und Leerheit des Seins am eigenen Leib zu spüren. Nur um dann durch die Konsequenzen seines Handelns erneut in einem System gefangen zu werden, in dem er keinen Wert besitzt. 

Eine Generation von Männern ohne Sinn und Zweck – so die Ausgangslage laut Autor – inzwischen auch für andere Geschlechter relevanter denn je – so meine Einschätzung. Nicht nur die Rolle der Männer wurde entkräftet in unserer aktuellen Gesellschaft, aber auch das traditionelle Frauenbild wurde verwandelt. Mehr (künstlich erzeugter) Druck, weniger Sinn. Geschlechterbilder verlieren ihre traditionelle Bedeutung. Und für nicht-binäre Identitäten fehlen die Vorbilder komplett. Gesellschaftliche Traditionen werden nicht mehr gelebt – der Mensch wurde zum Individualist und verlor dabei einen integralen Teil von sich.

Das Buch stellt die Frage: Wenn alle Individuen sind, sind wir dann nicht alle dieselben? Jeder kauft sich sein super einzigartiges Ding – alle aus dem selben Laden. So individuell – nicht. Im Grunde sind wir alle gleich – und erst wenn wir das akzeptieren, werden wir nicht mehr davon geplagt. Es hat keinen Zweck das individuellste Individuum zu sein. Es ist viel einfacher aufzugeben und einzusehen, dass alle gleich sind. Anders formuliert: Es gibt keinen Sinn, deswegen ist die Suche sinnlos. Es ist Zeit zu akzeptieren, dass unsere kleinen individualistischen Ziele uns nicht weiterbringen werden – uns nur weiter isolieren.

Das Buch stellt einen Bewältigungsmechanismus vor mit Hilfe dessen der Erzähler und seine im Laufe der Erzählung wachsende Gefolgschaft, die sich selbst als “tanzenden, singenden Dreck der Erde” bezeichnen, Sinn finden: Der Fight Club. Ein bewusstes Aufgeben den Konventionen der Gesellschaft entsprechen zu wollen. Diese Idee wird im späteren Teil des Buches mit dem Projekt Chaos pervertiert. Dieses Projekt dient dazu extreme Stresssituationen, in denen Teilnehmer für den Moment alles verlieren, absichtlich hervorzurufen. Dies geschieht mit dem Zweck versteckte und durch die Gesellschaft vergrabene Träume an die Oberfläche zu bringen. Die Suche nach dem tieferen Sinn – diesen in sich zu finden und zu leben, anstatt als ungewertschäzte Arbeitskraft ihr Leben unglücklich zu vergeuden. Diese Suche nach dem Sinn ist sicherlich auch ein treibender Faktor für extreme Gruppierungen in unserer Zeit. Doch wie kann man diesen Zyklus durchbrechen?

Ich glaube, dass uns ein gemeinsames Ziel fehlt. Ich glaube der Wunsch nach Religion steht unübersehbar in der Luft – nur gibt es die passende Religion nicht – deswegen sucht man nach einem Ersatz. Welcher Religion folgst du? Was ist dir heilig? Was ist dem Menschen heilig? Und wieso bieten die Güter, die wir kaufen, die uns in der Werbung versprechen die Lösung zu sein, nicht den Sinn, den wir suchen? 

Obwohl es der Autor nicht anspricht, beziehungsweise gerade weil er es nicht anspricht, fällt die abfallende Relevanz von Religion in der Gesellschaft besonders auf. Religion gelebt – also Glaube – ist sinnstiftend, fällt sie weg, wandert der Mensch ohne Leine. Freiheit – das Gefühl des sich endlich losgerissen zu haben. Angst – scheiße, ich hab keine Ahnung wo ich hier bin, wo ich hinsoll, und wie leben überhaupt funktioniert. Fehlende Vorbilder. Viele kaputte Familien. Eltern eher abschreckend als vorbildlich. Streitende Eltern. Keine Harmonie. Im Roman wird Harmonie – das Zen-Gefühl – als Resultat aus der Teilnahme am Fight Club unterstrichen. Es wird nach innerer Ruhe und Zufriedenheit gesucht. Buddhismus wird direkt referenziert. Man(n) versucht alles um diesen Zustand zu erreichen. Hau mir auf die Fresse, aber bitte vernichte diese unerwünschten Gedanken, die mir meine Sinnlosigkeit vor Augen führen, meine verzweifelte Suche nach mir selbst – nach etwas mehr.

Wir brauchen eine neue Orientierung – neue Vorbilder. Doch wie können wir in unserer Gesellschaft Vorbilder schaffen? Wie können wir Menschen bei der Sinnsuche unterstützen? Wie kann man das tun ohne selbst einen Sinn zu haben? Ist akzeptieren, dass es keinen Sinn gibt wirklich die einzige Lösung, die Freiheit verspricht? Selbst im Buch wird Letzteres angezweifelt. Für mich selbst habe ich beschlossen ein solches Vorbild zu sein. Ich will versuchen die Person zu sein, die ich selbst am meisten brauche. Ich hatte in meinem Leben lange kein Vorbild und auch keine Lebensziele. Erst mit der Suche nach Vorbildern kristallisierten sich die ersten Ziele und somit endlich ein Sinn.

Schritt eins ist immer die aktuelle Lage zu akzeptieren. Erst wenn man sie akzeptiert, kann man anfangen etwas daran zu ändern. Schritt zwei ist der der Ruf zur Rebellion. Es wird Zeit für eine Revolution. Wie beginnt man eine Revolution? Mit sich selbst. 

Zerstöre alles was du hast & beginn von null. Lebe dein Vorbild. Sei Gründungsmitglied des Fight Club. Beginnst du nicht, existiert er nicht. Aber arbeitest du nur alleine, dann ist es auch nichts: Du musst dich mit Leuten zusammentun um etwas zu erreichen. Teil ihnen deine Vorstellungen mit. Die meisten fühlen sich auch leer, gib ihnen ein Ziel und sie werden dir folgen. Es ist auch okay zu führen, du musst nicht auf jemanden warten dein Vorbild zu sein. Du kannst dein eigenes sein.

Nachdem ich das Buch gelesen hab, hab ich mir auch den Film angesehen. Dieser setzt jedoch einen anderen Fokus als das Originalmaterial. Der Film tanzt mit Kapitalismuskritik. Es gibt viele Unterschiede zum Buch, einige werde ich hier beleuchten. Direkt nach dem Lesen irritierten die Unterschiede, aber mache Änderungen waren clever. Das Mantra “show, don’t tell” wurde im Film wunderbar umgesetzt um Sachen, die im Buch erzählt wurden unauffällig zu zeigen. Auch wenn sie dadurch nicht so impactful wirkten. Sie ausformuliert zu lesen, vor allem wenn im Buch steht, dass Sachen eine Regelmäßigkeit sind, im Film nur einmal zu zeigen unterstreicht die Wiederholung davon nicht unbedingt. Aber das ist beim Buch auch schon nicht so schön gemacht. Wär viel schöner, wenn sowas wirklich immer wieder in den Text gedroppt werden würde. (unsolicited writing opinion lol sorry) 

Eine Sache, die ich persönlich traurig fand – und was im Buch auch unterging, da man klar aus der Perspektive des Protagonisten die Welt erlebt – ist wie wenig Bildschirmzeit Marla gegönnt wird. Oder Frauen generell – werden neben Marla andere Frauen im Film überhaupt (namentlich) erwähnt? Es macht allerdings Sinn hier, denn dieses Stück Medium soll den Mann in den Vordergrund stellen. (Trotzdem sad!) 

Doch was ist ein Mann? Was ist Männlichkeit? Dies ist eine Hauptfrage, die die Charaktere zu beantworten wissen. Oder versuchen. Tyler Durden ist die Männlichkeit, die sich der Protagonist wünscht. Dies wird im Film direkt ausgesprochen. Die fiktive Gestalt als Vorbild, aber zugleich auch als die größte Furcht. Denn sowohl im Buch als auch Film kommt der Moment, in dem der Protagonist sich nicht zu helfen weiß. Tyler ist weg. Er ist allein. Auf der Suche nach seinem Standbein, auf das er sich verlassen hat, das den Plan hatte. Er selbst hat keinen Plan, Tyler hat den Plan. Er fängt an über Tyler zu sprechen und sobald er das tut, merkt er die Auswirkung der Popularität und des Handelns seines Schatten-Ichs.

Tyler unterscheidet sich jedoch im Film von dem Original.

Es beginnt mit der Vorstellung des Charakters. Im Buch am Strand, einsam, im Schatten einer perfekten Hand aus Holzscheiten – den flüchtigen kurzen perfekten Moment genießen. Im Film im Flugzeug und einem Crashkurs in Mindset und Seifenherstellung. 

Im Film muss der Protagonist eine Bombe entschärfen und physisch gegen Tyler kämpfen. Das kommt im Buch nicht vor. Der Protagonist begegnet Tyler nicht mehr.

Durch den Kampf in der Tiefgarage und das Framing durch die Perspektive der Überwachungskamera, die nur den Protagonisten rumturnen sieht, wird die Illusion Tylers überdeutlich. Im Buch ist bis zum Schluss viel mehr Unschlüssigkeit über die Gestalt Tylers übrig. Man weiß, es ist des Protagonisten zweite Persönlichkeit, doch man ist sich nicht sicher, ob Tyler nicht einfach tatsächlich da war und sich nur aus dem Staub gemacht hat und so den Protagonisten zu Tode verunsichert hat, möglich gemacht durch das Kämpfen, das sie beide immer ähnlicher aussehen ließ mit der Zeit. Aber klar, er ist eine Illusion. Nur nicht so cheesy, dass er gegen diese Kämpfen würde. Bis auf den ersten Fight Club (Kein Wunder, dass dabei so viele zugesehen haben). Im Film tatsächlich geschieht dieser erste Kampf in Einsamkeit, erst ab dem zweiten Kampf haben sie Zuschauer und Teilnehmer. 

Sowohl im Buch als auch im Film trifft der Erzähler die konsequente Entscheidung sich das Leben zu nehmen zu wollen, da dies der einzige Weg für ihn scheint seinen Schatten zu besiegen. (Es ist btw nicht der einzige Weg. Der Dude war nur einsam und alleine kann man selten Probleme lösen. Redet mit andern Menschen. Alles kann noch gut werden.) 

Allerdings findet der Selbstmordversuch in den 2 Medien unterschiedlich statt. 

Im Buch endet alles mit dem Schuss. Das Haus auf dem er, Marla und die Leute der Selbsthilfegruppen stehen geht in dem Moment wohl in Flammen auf, während ein Polizeihubschrauber etwas zu spät auftaucht, um die Explosion des Gebäudes aufzuhalten auf dem all die Leute stehen. Nur dass es nicht explodiert und der Erzähler in einer Klinik aufwacht, in der seine Folger ihm erzählen, dass alles noch nach Plan läuft – dem Plan dem er entfliehen wollte, den er stoppen wollte, weil er mit den Konsequenzen seines Handelns nicht klarkam. Der Erzähler kann nicht fliehen, er muss mit den Konsequenzen seines Handelns, die ihn schon vor seinem Selbstmordversuch zu viel wurden, leben. Just another guy in der neuen Welt, die er selbst erschaffen hat. – Und das obwohl er genau vor dieser Machtlosigkeit fliehen wollte.

Im Film gibt er sich auch den Schuss. Tyler stirbt. Der Erzähler überlebt und wird belohnt mit einem cineastischen Meisterwerk als Ende seiner Geschichte. Er steht mit seiner Geliebten, Marla, vor dem explodierenden Kreditunternehmen und beobachtet den Untergang der kapitalistischen Gesellschaft wie wir sie kennen und sagt “Du hast mich in einer komischen Zeit meines Lebens kennengelernt” zu Marla, die seine Hand hält. Romantisch. Hollywood Happy Ending – Der Film romantisiert den Selbstmord. Er hat keine persönlichen Konsequenzen. Er ist die Erlösung – er führt zum Höhepunkt. Der Plan ist vollendet. Alles ist endlich gut.

Die Darstellung des Endes unterstreicht die dem Film zugrunde liegende Kapitalismuskritik. Andere Szenen, die diese Kritik unterstreichen sind Darstellung der Todesgeschichte von Bob und die Charakterisierung des Hauptcharakters. 

Der verlorener Koffer des Protagonisten beinhaltet im Buch beim Reisen nur minimale Kleidung, im Film eine luxuriöse Krawatte. Hier wird im Film weiter der Protagonist als Kapitalist, der sich sowas kaufen würde, dargestellt. Im Buch ist das nuancierter – der Protagonist ist sich seinen materialistischen Gelüsten bewusst und der Leere davon, doch nur in Grenzen. Bis zum Aussehen würde er im Buch gar nicht gehen. Im Buch interessiert ihn nur sein Innenleben – andere Leute sind ihm egal. Im Buch ist der Protagonist generell viel selbstzentrierter und zeigt mehr Facetten seiner selbst.

Im Film wurde Bob ermordet bei einer Aktion des Projekt Chaos in der es darum ging in einer riesigen Aktion ein Café und andere Läden zu zerstören. Im Buch wollte er nur mit einem Elektroschrauber einen Münzautomaten öffnen und die Polizei hat dabei den Schrauber mit einer Pistole verwechselt und ihn ermordet. Kritik an willkürlicher Polizeigewalt. Kapitalismuskritik ist subtil auch im Buch zu finden, der Film stellt diesen Punkt jedoch in den Vordergrund und die anderen vorher besprochenen in den Hintergrund.

Es ist interessant, dass alle Charaktere, die im Buch namentlich erwähnt wurden zum Sterben verdammt sind. Im Film überleben zumindest Marla und er Protagonist. Eine merkwürdige Entscheidung der Produzenten. Aber hey, zumindest gab es Haikus.

Es ist einfach frustrierend, dass unser Leben immer noch – bzw noch mehr (‘rona!) – so von Isolation gekennzeichnet ist, dass sich immer noch nichts geändert hat, dass Menschen allein sind und sich einfach nur ein Vorbild wünschen, dass so viele so hoffnungslos im leeren Schweben.

Mit liebsten Gedanken, Ivi.

P.S. Seit so lieb und schreibt mir eine Mail (ivette_schmidt@outlook.com) falls ihr Gedanken dazu habt :>

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